Nr. 2 im Sommersemester 2001


Livebericht aus der Praxis

Constantin Walter

Ich bin doch nicht blöd! oder „Angewandte Technische Informatik“

Wer kennt ihn nicht - den roten Discounter mit dem einprägsamen Werbespruch; in Zukunft mit MM abgekürzt. Auch in Karlsruhe gibt es einen. Ich bin stets bemüht, den lokalen Fachhandel zu unterstützen, aber in manchen seltenen Fällen ist dieser Laden im tiefen Süden der Stadt leider die letzte Möglichkeit etwas zu bekommen.

So begab es sich, als mein Rechner sich gar mächtig über zu wenig Arbeitsspeicher beschwerte (das DIN A2 Photoshop-Festplakat ist doch etwas groß geworden). Darauf habe ich mich am nächsten Tag sogleich auf die große Tour begeben, um RAM-Module für mein Notebook zu organisieren. Bald mußte ich feststellen, daß mein gutes Gerät recht wählerisch bezüglich der Marke der Speicherriegel ist. Konkret heißt das, ich habe zwar einige günstige Angebote gesehen und ausprobiert (unter anderem ein Angebot für knapp DM 100,- für 128MB), aber kein einziger RAM-Baustein war darunter, der sich mit meinem Rechner vertragen hätte.

Sehr, sehr verzweifelt rufe ich letztendlich beim MM an und kriege nach 5 Minuten fetziger Musik einen Verkäufer in die Leitung. Dieser erklärt mir, daß kurz und unverbindlich im Geschäft ausprobieren nicht ginge - wenn, dann müßte ich die Riegel kaufen und bei nicht funktionieren mein Rückgaberecht in Anspruch nehmen. Von mir aus, dann teste ich den Speicher einfach direkt nach der Kasse. Auf die Preisfrage angesprochen, schmettert mir selbiger Verkäufer ein „Wir haben die tiefsten Preise“ durchs Telefon. Als ich es dann doch genauer wissen will, nennt er einen Preis von 149 Mark!

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, daß dieser Preis 50% über dem liegt, den mir einer der Fachhändler genannt hat.

Naja, was tue ich nicht alles um mein digitales Baby zufriedenzustellen. Mit der Hoffnung, daß meine Suche dann wenigstens ein Ende hätte, begebe ich mich zum MM, erwerbe zwei 128MB S0-DIMMs und baue sie gleich neben dem Informationsschalter ein.

Und...... 256Meg sind erkannt , wow.

Endlich am Ziel aber mit leicht negativem Beigeschmack ziehe ich von dannen.

Zuhause will ich dieser Sache mit dem tiefsten Preis aber auf den Grund gehen, lande auf der Unternehmenshomepage und entdecke doch tatsächlich das sogenannte „Tiefpreisgesetz“, das garantieren will, daß MM-Preise die tiefsten der Region sind und zwar ausnahmslos. Andernfalls bekommt der Kunde den Differenzbetrag erstattet.

Hohoho, meine Laune war eh nicht die Beste und ich hatte unbändige Lust MM-Verkäufer zu ärgern. Also habe ich mir erst das Angebot des günstigsten Händlers schriftlich geben lassen, bin damit bewaffnet wieder hingefahren, diesesmal äußerst entschlossen mir die Differenz der Angebote (also etwa 100 Mark) wieder zurückzuholen.

In der folgenden dreiviertel Stunde hatte ich eine verbissene und haarsträubende Auseinandersetzung mit allen Ebenen des Personals, das mit allen Mitteln versuchte, mir mein offiziell verbrieftes Recht streitig zu machen.

Eine Auflistung der verschiedenen Aussagen:
  1. Angebot, den Kauf rückgängig zu machen, aber das will ich natürlich nicht.
  2. Speicherbausteine unterliegen Tagespreisen und auf die trifft das „Gesetz“ nicht zu (Wo steht das?)
  3. Die zeitliche Differenz der Angebote sei die Ursache für die Preisdifferenz (Ein Blick auf die beiden Daten hat leider doch keinen wesentlichen Unterschied ergeben)
  4. Mit Hintertheken-Kisten-Rumschiebern vergleichen wir uns nicht.
    1. Wo steht das?
    2. War das ein qualifizierter Fachhändler
  5. Wir vergleichen uns nur mit der direkten Konkurrenz (Promarkt, Karstadt, usw.) (Haha, netter Versuch)
  6. Unsere Speicherbausteine (also hundsgewöhnliche S0Dimms!) haben „256Kb 2nd Level Cache“ ... und das macht sie teurer.
    Zur Validierung ruft der Herr Abteilungsleiter sogar bei dem konkurrierenden Händler an um festzustellen, daß dessen Speicherriegel keinen Cache haben (natürlich haben sie keinen Cache, wie alle andern auch)

[Bloed gelaufen] Diese Aussage löst leichtes Schmunzeln meinerseits aus und scheint mir der richtige Zeitpunkt zu sein, um dem Herrn deutlich zu machen, daß er keine Ahnung hat.

Das gelingt sehr gut durch die subtile Frage, welche Cache-Strukturen sich auf dem Pentium III befinden. Nach einigen Sekunden des Abwartens liefere ich ihm selbst die Antwort, daß sich bei heutigen modernen Prozessoren der 2nd Level Cache auf dem Chip selbst befindet und es darum Blödsinn sei, das RAM ebenfalls damit auszustatten.

Daraufhin zieht er sich ins Hinterzimmer zurück um sich angeblich selbst zu informieren. Nach 5 Minuten kehrt er zurück und erklärt mir in auf einmal sehr gemässigten Ton, daß er das mit der „Latency“ (Ahaaaa?!) verwechselt hätte, und daß ich die Differenz erstattet bekomme.

Der in dieser Geschichte gefangene Leser kann sich sicherlich vorstellen mit welcher Befriedigung ich mir den Differenzbetrag an der Kasse auszahlen ließ.

Was lernen wir daraus: Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Wir studieren alle das Richtige. Und blöd sind wir schon gar nicht.

Kurzer Nachtrag: Diese Tiefpreisgeschichte war eine vor kurzem abgelaufene zeitlich begrenzte Sonderaktion, wie ich im Nachhinein erfahren habe. Ein klein bisschen was hat sich MM dabei gedacht. Wahrscheinlich hat nur ein Bruchteil der Kundschaft MM beim Wort genommen wie ich. Der große Rest hat blind der Werbebotschaft vertraut und nichts verglichen.

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