Eulenspiegel Nr.1 im Wintersemester 95/96

Studiengebühren
Was hat die Hochschule davon?

Tilo Arens

Revisionsdatum: Oktober 1995

Wie bereits im letzten Semester angekündigt, kommt nun hier der zweite Artikel in der Reihe zum Thema Studiengebühren / Kurzzeitstudium. Die erhoffte Kritik auf den ersten Teil war mager - aber ein paar Reaktionen gab es dann doch. Vielleicht ändert sich das ja mit diesem zweiten Teil!

Bei genauer Betrachtung der Problematik werden Studiengebühren grundsätzlich unter zwei unterschiedlichen Gesichtspunkten ins Gespräch gebracht: Zum einen als Druckmittel, um Studierende zu schnellem Studium anzuregen, zum zweiten als zusätzliche Finanzquelle für die Hochschulen. Auf beide Aspekte und ihre Konsequenzen möchte ich im folgenden eingehen.

Daß durch die Einführung von Studiengebühren zunächst einmal ein zusätzlicher Druck entsteht, schnell mit dem Studium fertig zu werden, läßt sich sicher nicht leugnen. Doch ist den Hochschulen damit geholfen? Wenn man es sich zum Ziel macht, die Studienzeiten zu verkürzen, sollte man sich doch zunächst die Frage stellen: Woran liegt es, daß Studierende (angeblich) zu lange studieren? Die Einführung von Studiengebühren bedeutet, daß diese Frage mit dem üblichen Vorurteil "Weil die Studierenden faul sind!" beantwortet wird (nun ja, wir alle mögen in uns gehen und darüber nachdenken, ob wir wirklich faul sind und Besserung geloben...)

Werden die Studienzeiten an deutschen Hochschulen kritisiert, so wird auch immer der Vergleich mit europäischen Nachbarstaaten gezogen. Dieser Vergleich zeigt aber auch: Die Studieninhalte in anderen europäischen Ländern sind weitaus weniger umfangreich. Die Politik (und auch die Hochschule) muß sich endlich einmal der Wahrheit stellen: Entweder man hält am hohen Standard der Ausbildung in Deutschland fest und nimmt dabei im europäischen Vergleich höhere Studienzeiten in Kauf oder aber man beginnt mit einer ernsthaften, realistischen Kürzung der Studieninhalte. Studiengebühren auf die Problematik langer Studienzeiten anzusetzen, heißt nur, einmal mehr allein an den Symptomen, nicht jedoch an den Ursachen, herumzudoktern.

Der zweite Ansatz zur Einführung von Studiengebühren liegt in der Verbesserung der finanziellen Situation der Hochschulen. Dieser Aspekt fällt für geistes-/sozialwissenschaftliche Fächer sicher stärker ins Gewicht als für die naturwissenschaftlich/technischen: Die Einnahmen aus dem Drittmittelbereich sind hier weitaus geringer. Die Argumentation lautet: Wenn die Hochschulen zu wenig Geld haben, so sollten diejenigen zahlen, die hauptsächlich von ihnen profitieren, also die Studierenden.

Nun kommt aber ins Spiel, daß Studiengebühren die Kosten eines Studiums erhöhen und es daher sozial schwächer Gestellten schwerer macht, überhaupt ein Studium aufzunehmen. Es sind sich aber eigentlich alle politischen Kräfte in Deutschland einig, daß man das Studium nicht zur alleinigen Angelegenheit der wohlhabenden Bevölkerungsschichten machen möchte. Also fordert man (z.B. die Landesrektorenkonferenz in ihrer Stellungnahme zu Studiengebühren vom letzten Jahr), daß die Studiengebühren sozial verträglich gestaltet werden sollen. Sozial Schwächere zahlen also weniger oder überhaupt keine Gebühren. Im Prinzip scheint dieser Ansatz ja vernünftig, ABER: Dies bedeutet auch, daß für alle Studierende überprüft werden muß, wieviel Studiengebühren sie zu zahlen haben. Man kann davon ausgehen, daß dafür eigene Abteilungen in den Verwaltungen der Hochschulen aufgebaut werden müssen, die natürlich Geld kosten. Fazit: Die Vermutung liegt nahe, daß die Erhebung der Studiengebühren und die dafür notwendige Bürokratie den Löwenanteil der eingenommenen Mittel wieder verschlingen wird. Zudem erscheint es mir bei der momentanen finanziellen Situation des Bundes und der Länder sehr wahrscheinlich, daß die Regierungen nach der Einführung von Studiengebühren erst einmal die Hochschuletats weiter kürzen werden. Frei nach dem Motto: "Ihr nehmt mehr Geld ein? Gut, dann brauchen wir Euch ja weniger zu zahlen."

Es ist offensichtlich, daß also Studiengebühren in der momentanen Situation der Hochschulen einfach keinen Sinn machen. Der zusätzliche Druck für die Studierenden ist nicht gerechtfertigt, schon gar nicht, solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Mehr finanzielle Mittel können die Hochschulen bei realistischer Betrachtung auch nicht erwarten. Fachschaft math/inf